Eine Geschichte über Lady Niguma und ihr Yoga

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Über das Leben von Niguma wissen wir nicht viel, da zur Zeit als sie lebte keine Geschichtsbücher verfasst und Wissen nur mündlich überliefert wurde. In den „Blauen Annalen“, einem der bekanntesten und wichtigsten Werke der traditionellen tibetischen Geschichtsschreibung, das vor ca. 1700 Jahren verfasst wurden, wird über Niguma nur Weniges berichtet:

Niguma lebte vor etwa tausend Jahren im Nordosten Indiens und wuchs in einem kleinen Dorf, vermutlich im heutigen Bengalen auf. In dieser Region vermischten sich damals die Yoga-Lehren der hinduistischen und buddhistischen Schulen - die großen Yoga-Meister und tibetischen Lehrer waren in beiden Religionen bekannt und geachtet.

Niguma war die Tochter eines Hindu-Priesters und half ihrem Vater bei seinen Aufgaben. Eines Tages hörte sie von Naropa, dem Sohn des Königs.

Naropa wollte von Kindesbeinen an kein Prinz sein und nicht in die Fußstapfen des Königs treten. Stattdessen wollte er Yogi werden und dem Pfad der Erleuchtung folgen. [Anmerkung Geshe Michael Roach: Das Karma um König zu werden oder um Erleuchtung zu erlangen ist grundlegend dasselbe, der Unterschied liegt in der Entscheidung, die die Person an einem bestimmten Punkt trifft.]

Der König war besorgt um den Fortbestand des Königreiches und drängte den Sohn zur Heirat. Naropa willigte, unter einer bestimmten Bedingung, ein: Er würde nur eine einzige Frau heiraten, und diese müsste den Namen „Niguma“ tragen, in heiratsfähigem Alter sein, bildschön, aus der hinduistischen Kaste der Brahmanen stammen, zugleich Buddhistin sein [was zu jener Zeit undenkbar war] und über besondere Fähigkeiten, sowie ein mitfühlendes Herz verfügen. Der Prinz war sich sicher, eine solch unmögliche Bedingung gestellt zu haben, dass er nun endlich den Weg eines Yogis einschlagen konnte.

Der König schickte, trotz der aussichtslos erscheinenden Suche, zwei Gesandte los, die das ganze Land nach dieser einzigartigen Frau durchsuchen sollten. Nach einem Jahr setzten sich die beiden Abgesandten des Königs völlig erschöpft und verschmutzt von der langen und anstrengenden Reise zum Rasten an einen Fluss. Sie hatten nicht einmal ein Gefäß bei sich, um Wasser aus dem Fluss schöpfen zu können. Plötzlich kam eine wunderschöne junge Frau, gekleidet in den Gewändern einer Brahmanin hinunter zum Fluss. Sie beugte sich über das Wasser und ein randvoll gefüllter Krug tauchte aus dem Fluss hervor. Sie griff nach den Krug und machte sich auf den Weg zurück. Die beiden Gesandten erkannten die erstaunlichen Fähigkeiten des Mädchens und baten sie um einen Schluck Wasser. Das Mädchen gab den beiden Gesandten des Königs, die mittlerweile wie heruntergekommene Bettler aussahen, ohne zu zögern und voller Mitgefühl von dem Wasser. Da erkannten sie, dass sie das Herz eines Boddhisattvas in sich trug, somit war sie Brahmanin und Buddhistin zugleich. Sie fragten das Mädchen nach Ihrem Namen und sie stellte sich den Gesandten als Niguma vor. Da jauchzten die Gesandten vor Glück auf und erzählten Niguma den Grund ihrer Reise und erklärten Ihr, dass Sie die Auserwählte des Prinzen Naropa sei und somit die zukünftige Königin des Landes. Niguma hörte den Gesandten ruhig zu und antwortete schließlich, dass sie nur mit Zustimmung Ihres Vaters die Frau des Prinzen Naropa werden könne. Also machten sich alle drei zum Haus der Familie von Niguma auf.

Als der Vater von Niguma die Geschichte der Gesandten zu Ende gehört hatte, verweigerte er die Zustimmung zur geplanten Heirat. Der Grund für seine Ablehnung waren die unterschiedlichen Religionen, denen die beiden Familien von Niguma und Naropa angehörten. Die Gesandten waren enttäuscht und beschlossen, sich als Zeichen des Protestes, vor das Haus des Vaters von Niguma zu legen. Sie würden dort lieber sterben, als zurück zu kehren und dem König diese bittere Nachricht zu überbringen.

Mit jedem Tag wurden die beiden Gesandten dünner und die vorbeikommenden Dorfbewohner begannen sich über die beiden Gestalten zu wundern und fragten nach Ihrer Geschichte. Schon bald wusste das ganze Dorf vom Schicksal von Niguma und Naropa und zeigte sich unzufrieden mit der Entscheidung von Nigumas Vater. Schließlich versammelte sich die gesamte Dorfgemeinschaft vor dem Haus des Vaters und protestierte laut für die Heirat von Niguma und Naropa. Nigumas Vater ließ sich davon umstimmen und Niguma machte sich auf den Weg zu Naropa.

Am Hof des Königs angekommen, begann Naropa sofort damit, seiner geliebten Niguma die spirituellen Lehren des Yoga und der Meditation näher zubringen. Der erhoffte Nachwuchs blieb aus und der Druck auf Naropa und Niguma, eine Familie zu gründen, stieg.

Naropa gestand Niguma seinen tiefen Wunsch nach Erleuchtung und der Sehnsucht nach dem Leben eines Mönches. Um dies zu verwirklichen, müsse er sein bisheriges Leben am Hof des Königs verlassen. Niguma konnte sich ein Leben ohne Naropa nicht vorstellen und beschloss mit ihm zu gehen. Naropa wurde ein bekannter Mönch und später Abt eines großen Klosters.

Eines Tages lief ihm eine Hexe in Gestalt einer alten Frau über den Weg. Sie sprach ihn an und warf ihm vor, nichts, aber auch rein gar nichts zu wissen. Er widersprach und entgegnete, dass er ein großer und berühmter Mönch und Abt sei und viel wisse. Die Hexe wiederholte ihre Worte und ergänzte, dass er rein gar nichts über Yoga wisse. Naropa fragte, wer denn etwas über Yoga wisse und sie antwortete, Meister Tilopa wisse alles über Yoga.

Naropa ließ daraufhin erneut sein bisheriges Leben hinter sich und suchte Meister Tilopa auf, um später ein sehr bekannter Yogi zu werden. Ein mutiger Tibeter namens Lord Marpa, machte sich zu jener Zeit auf den Weg nach Indien, um bei Naropa dessen Lehren der sechs Yogas zu lernen und dieses Wissen nach Tibet zu bringen.

Das Yoga von Naropa wurde seit dieser Zeit von Mönch zu Mönch weitergegeben, unter anderem an den großen Meditationsmeister Milarepa und an den berühmten Lehrer des ersten Dalai Lama, Meister Tsongkapa, und wird noch heute in tibetischen Klöstern und darüber hinaus gelehrt.

Zur gleichen Zeit gründete Niguma auf der Insel Sosa auf dem Ganges eine sehr berühmte Yogaschule für Frauen. Ein tibetischer Mönch namens Khyungpo Neljor hörte von der Yogini Lehrerin namens Lady Niguma und hatte im selben Moment eine Vision, diese Frau finden zu müssen. Er machte sich also auf den damals sehr gefährlichen Weg aus dem Himalaya hinab nach Indien, fand schließlich die besagte Insel, doch niemand war zu sehen. Verärgert setzte er sich auf den Boden und verweilte dort. Plötzlich hörte er Gesang, sah aber noch immer niemanden. Da blickte er zum Himmel und sah mehr als hundert Frauen in großer Höhe schwebend, wie sie sangen und Yoga praktizierten. Sie hatten bereits durch Yoga gelernt, wie man fliegt. Lady Niguma kam zu Khyungpo Neljor herab, er bat sie, ihm Yoga beizubringen und sie willigte schließlich ein.

Mit diesem Wissen kehrte er zurück nach Tibet und seither wurde das Yoga von Lady Niguma weitergegeben, so zum Beispiel auch an den zweiten Dalei Lama Gendum Gyatso und weiter bis zum heutigen Tag an uns.

Manche Tibeter sagen, Lady Nigumas echter Name war Nir-guna, was soviel bedeutet wie keine Eigenschaften, also Leerheit. Die älteste Fassung ihres Yoga, geschrieben von Lama Taranta (*1575) ist ca. 400 Jahre alt und alle Übungen basieren bis heute genau auf diesen Aufzeichnungen.

Die Funde stammen hauptsächlich aus St. Petersburg und aus der Mongolei. Das Yoga von Lady Niguma ist das erste überlieferte Yoga einer Yogini und ist die älteste existierende schriftliche und konkrete Beschreibung von Yoga-Übungen. Hatha Yoga wird ca. 500 Jahre älter datiert, jedoch gibt es keine schriftlichen Überlieferungen aus dieser Zeit und in den sehr alten Yoga Sutras wurden keine Übungen beschrieben.

Das Besondere an der Herangehensweise von Lady Niguma ist ihre Zielsetzung: Alle Übungen dienen allein dem Ziel der Erleuchtung. Jede Dehnung, jede Streckung hat einen genauen Sinn. Lady Niguma beschreibt zum Beispiel, welche Übungen gegen Eifersucht, Wut usw. helfen können. Sie zählt außerdem alle hauptsächlichen negativen Emotionen des Herzens auf und verschreibt für diese spezielle Yogaübungen. Genauso hat sie auch für die einzelnen Chakren spezielle Übungen entwickelt.

In der Ersten und bislang einzigen veröffentlichen Yoga-Serie von Lady Niguma, geht es um die Öffnung der Chakren mit Hilfe von unterschiedlichen Yoga Stellungen. Die Übungen folgen einem logischen Ablauf von unten nach oben durch alle Chakren hindurch. Die Übungen wirken sich stark auf das Prana im Körper aus und bereits nach einem Monat regelmäßiger Praxis sind deutliche Veränderungen spürbar.

Lady Nigumas Yoga sollte täglich, am besten morgens durchgeführt werden. Wenn man in Übung ist, gelingt ein Durchgang in 30 Minuten. Diese 30 Minuten verändern den Verlauf des gesamten Tages. Wie kann das sein?


Im Körper gibt es 72000 Kanäle aus Licht, diese sind physisch und bestehen aus sehr subtiler Materie bzw. aus Kraft, die nicht sichtbar ist. In diesen Kanälen fließt das Prana (andere Namen dafür sind Lung / Chi / innerer Wind oder Energie). Prana ist nötig für den Körper um Funktionen wie das Sprechen, Atmen etc. auszuführen. Die drei wichtigsten Kanäle heißen Sushumna (Zentralkanal), Ida und Pingala.

Der Zentralkanal, der Kanal der Weisheit, befindet sich, beginnend am dritten Auge, vor der Wirbelsäule und erstreckt sich bis zum Beckenboden. Unsere Knochen bilden sich entlang der Sushumna. Pingala (auch genannt Sonnenkanal, Zuordnung männlich, Farbe: milchig-rot) fließt rechts neben dem Zentralkanal bis in die Beine hinab. Ida (auch genannt Mondkanal, Zuordnung weiblich, Farbe: milchig-weiß) fließt links neben dem Zentralkanal bis in die Beine hinab.

Pingala und Ida (deren Austrittsöffnungen von unseren Nasenflügeln umgeben sind) verknoten sich um den Zentralkanal in der Höhe des dritten Auges, am obersten Schädelpunkt, in Höhe des Halses, dreimal in Höhe des Herzens, auf Höhe des Nabels und des Steißbeins und am Beckenboden. Die meisten dieser Knotenpunkte, auch Chakren genannt, befinden sich etwas vor der Wirbelsäule und nicht etwa im Herzen oder im Hals. Sie sollten daher bei Ausführung der Übungen immer auf der den Organen zugewandten Seite der Wirbelsäule visualisiert werden. Ein alter tibetischer Lehrspruch dazu lautet: „lung sem dschug pa tschig pa“, das bedeutet: Prana und Gedanken sind wie Roß und Reiter, sie reiten als Einheit. Wo unsere Gedanken hingehen, dorthin muss auch das Prana fließen und umgekehrt.

An den Knotenpunkten wird das Prana im Zentralkanal abgeschnürt und vom Fließen abgehalten. Wir können uns das wie Wasser in einem gestauten Gartenschlauch vorstellen, der an den Knotenpunkten durchlöchert ist. Von oben betrachtet treten vom Zentralkanal an diesen Punkten acht Kanäle nach außen wie die Speichen eines Rades. Das Wort für Rad lautet in Sanskrit Chakra. Chakras sind eigentlich nicht die schönen bunten Punkte und Symbole, als die sie heutzutage gerne dargestellt werden, denn Chakras sind der eigentliche Grund warum wir sterben. An den Chakren wird der Fluß unseres Pranas im Verlaufe unseres Lebens immer mehr abgeschnürt.

Am Beckenboden fließen Ida, Pingala und der Zentralkanal ineinander. Da es nur eine begrenzte Menge an Prana gibt, fließt Prana immer nur in einem Kanal. Wenn wir wütend, aufgeregt oder eifersüchtig ist, fließt Prana in Pingala. Wenn wir falsche Begierde empfinden und von Ignoranz geprägt sind, fließt Prana in Ida. Wenn Prana aber im Zentralkanal fließt, haben wir Gedanken von Freundlichkeit, Weisheit und erfahren tiefes Verständnis.
Das Ziel von Lady Nigumas Yoga ist es also, die Blockierungen an den Knotenpunkten zu beseitigen. Dafür werden an jedem Chakra vier Schritte vollzogen:

1.Drehung um das Prana in Ida und Pingala zu lockern
2.Dehnung um das Prana aus den Seitenkanäle nach unten Richtung Sushumna zu bringen
3.Kontraktion um das Prana in den Zentralkanal zu befördern
4.Verteilen von Prana im Zentralkanal


Wichtig ist dabei das Einhalten der Reihenfolge der Chakren von unten nach oben, ohne dass dabei ein Chakra übersprungen oder an späterer Stelle als vorgesehen bearbeitet wird.

Wenn alles Prana im Zentralkanal ist, hört der Fluss von Prana sofort auf und auch der Atem hört auf, da er nicht mehr nötig sein wird. Der Körper wird von Liebe und Weisheit genährt und nicht mehr von Luft, Nahrung und Wasser. Wenn das Herz-Chakra sich öffnet, erfährt man ultimative Liebe und man sieht alle lebenden Wesen in allen Welten und man liebt sie alle zugleich. Der Körper verwandelt sich in Licht und man erlangt die Fähigkeit, sich zu multiplizieren, um in allen Welten allen lebenden Wesen gleichzeitig helfen zu können. Das ist letztendlich das Ziel aller Yoga-Lehren.

Die heutigen Yoga Übungen, in den unterschiedlichsten Stilen, Studios und Ländern, sind den alten Überlieferungen noch immer sehr ähnlich und werden noch heute genau so, von sehr erfahrenen Mönchen in Tibet ausgeführt. Diese wiederum sind erstaunt, dass Yoga im Westen derart verbreitet ist. Im tibetischen Buddhismus gehört Yoga zu den geheimen Lehren, die nach 20 Jahren des Geshe-Studiums den Schülern beigebracht werden. Ein tibetischer Meister sagte einst, dass alle Menschen, die heute Yoga machen und sich von Yoga angezogen fühlen, in früheren Leben bereits Geshes waren und dies nur vergessen haben. Das sei der tief zugrunde liegende Grund, warum man sich dazu entschließt, eine Yoga-Stunde zu besuchen. Unabhängig davon, aus welchem Grund man Yoga macht, ist Yoga aus buddhistischer Sicht einer der wichtigen Pfade zur Erleuchtung. Die Mönche legen einen Eid ab, die innere Methode der Meditation und die äußere Methode des Yoga zu gleichen Teilen anzuwenden, um das Prana in ihrem Körper zu bewegen. Aus dieser Sicht herrschen somit goldene Zeiten, da Millionen von Menschen weltweit Yoga machen und damit an der Schwelle zur Erleuchtung und Unsterblichkeit stehen.


Quelle: Alle Angaben übersetzt aus der Erzählung von Geshe Michael Roach im Intro der DVD „Lady Nigumas Yoga“.


Lady Niguma Yoga Karten Set (in deutsch):
http://www.editionblumenau.com/category/mehr/

Lady Niguma "halbes Stündchen" mit GesheHla auf Youtube:
https://www.youtube.com/watch?v=_VQPyJzCT78

Lady Niguma DVD in Englisch:
http://diamondcutterinstitute.com/cds-dvds/  

 

Erstellt am: 11.03.2013, Zuletzt geändert am: 27.04.2014

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Kommentare

weitere Serien? von Gast am 16.04.2013 um 12:47
Vielen Dank für das Veröffentlichen dieser Hintergründe zum Yoga nach Lady Ninguma.
Sind denn noch Veröffentlichungen weiterer Yoga-Serien zu erwarten?

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